Von Streunern und Herumtreibern – Teil 2: Das Ding mit der Planerei

Streunen und Herumtreiben hat eigentlich wenig mit einem Plan zu tun. Eher damit, sich zu verlieren und treiben zu lassen. Aber es gibt doch so viel, was gesehen werden will. Und verpassen will man ja schon gar nichts. Was also tun?

Beim ersten Mal in einer neuen Stadt fühle ich mich immer ein wenig wie ein kleines Kind im Süßwarenladen. Alles ist so schön bunt und glänzt. Also schmeiße ich in Rekordgeschwindigkeit meine Tasche in die Ecke des Hotelzimmers, checke die Batterien meiner Kamera und meines schlauen Telefons, schnüre meine Schuhe und dann… tja, gute Frage: Wohin will ich eigentlich zuerst?

Also habe ich mit der Zeit festgestellt, dass es doch hilft, mir wenigstens einen kleinen Schlachtplan zu machen, bevor ich mich in den Großstadtdschungel stürze. Den will ich euch natürlich nicht vorenthalten.

Überleg dir grob, was du sehen möchtest

Wie gesagt, ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, dass ich am liebsten tausend Dinge auf einmal sehen möchte. Dieses Viertel hier und der Park da und auf jeden Fall noch das Café am anderen Ende der Stadt und am besten noch diese kleine Galerie in dieser Seitenstraße, weil der Flyer so wunderschön aussah. Blöd nur, dass ich meistens feststelle, dass der Tag dafür definitiv nicht genug Stunden hat und alles auf einmal einfach nicht funktioniert.

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Außerdem kommt es beim Streunen ja nicht darauf an, eine größtmöglich Anzahl von Spots abzuklappern, sondern sich Zeit zu nehmen, einen Ort auf sich wirken zu lassen. Also: Eins nach dem anderen. Überleg dir grob, was du sehen möchtest. Die Straßen, die für all ihre kleinen Läden und Cafés bekannt sind? Das Viertel, in dem es vor Street-Art nur so wimmelt? Oder vielleicht doch durch die schönsten Parks der Stadt flanieren? Ansonsten könnte es passieren, dass du wie ein wilder Flummi durch die Straßen springst und zwar alles, aber nichts richtig siehst.

Setz dir ein paar Ankerpunkte

Ich hatte vor ein paar Wochen mit Natalya aus Köln noch die Rede davon. Ankerpunkte helfen. Nicht nur, um dieser Sache mit dem Flummi-Dasein vorzubeugen, sondern auch, um ein Gefühl für die Stadt und die Distanzen zu bekommen. Und natürlich, um die Orte zu finden, die du gerne sehen möchtest.

Ich frage mich meistens vor meiner Reise schon ein wenig durch meinen Freundeskreis oder auf den Blogs meines Vertrauens um, ob irgendwer vielleicht schon ein paar hilfreiche Tipps über mein Reiseziel auf Lager hat. Oder ich suche nach Events wie Design-, Street-Art- oder Filmfestivals in der Stadt (auch wenn diese schon vorbei sind) und schaue, an welchen Orten sie so stattfinden oder ob sie mit irgendwelchen netten Bars, Cafés, etc. zusammenarbeiten.

Also Stadtkarte oder GoogleMaps auspacken und an den Orten einfach mal Kreuzchen machen. Meistens sieht man dann schon relativ schnell, wo sich die Kulli-Markierungen oder Placemarks häufen und es sich anscheinend lohnt, ausgiebig herumzustreunen.

Nur nicht in den Untiefen der Internet-Recherche verlieren. Spätestens, wenn dein Browser dir in der Tableiste rechts nur noch diese zwei kleinen Pfeile anzeigt, weil deine offenen Tabs schon nicht mehr in eine Reihe passen, solltest du überlegen, ob du dich nicht gerade mit voller Kraft in den Recherche-Wahn googelst. Ich weiß, wovon ich rede! Weniger ist mehr, es heißt ja nicht umsonst Ankerpunkte.

Pass auf dich auf, Kind

Ich habe es im ersten Teil bereits erwähnt: Mach dich schlau, in welchen Ecken du problemlos herumstreunen kannst. Ich weiß zum Beispiel, dass es nicht nur im schnieken Palermo, sondern auch in La Boca in Buenos Aires wunderschöne Street-Art gibt und ein paar Künstler dort ihre Ateliers haben.

Der Rat meiner argentinischen Freunde zu La Boca war folgender: “Nicht ohne jemanden, der sich dort auskennt. Und vor allem nicht nach Sonnenuntergang!” Klingt wie ein Spruch aus einem schlechten Horrorfilm meiner Jugend. Und da ich da gelernt habe, dass die naive Blondine in solchen Filmen immer als Erste in Schwierigkeiten gerät, beherzige ich solche Ratschläge lieber.

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Spaß beiseite, eine “gefährliche” Gegend muss nicht bedeuten, dass dort an jeder Ecke dunkle Gestalten auf dich lauern und eine “sichere” Gegend gibt dir keine Garantie, dass dort nicht auch Idioten rumlaufen können. Aber man muss sein Glück ja nicht herausfordern. Außerdem war die Tour durch La Boca mit drei Männern an meiner Seite viel lustiger.

Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Bus?

Ich würde sagen, genau in der Reihenfolge. Wenn du ein Viertel erlaufen kannst – tu es! Du kannst überall abbiegen, du kannst überall stoppen, du kannst immer zurücklaufen. Und dir dabei so viel Zeit nehmen, wie du möchtest. Ich bin ein großer Fan der Rechts-rechts-links-links-Kombination, um mich schlangenlinienförmig durch die Straßen zu bewegen und alles auszukundschaften.

Wenn die Distanzen doch etwas größer werden, aber doch noch irgendwie im Rahmen bleiben – mit dem Fahrrad! Du kannst es überall abstellen und es wartet brav auf deine Rückkehr.

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Und wenn du dir doch vorgenommen hast, von einer Ecke der Stadt zur anderen zu streunen, würde ich Verkehrsmittel wählen, die sich über der Erde bewegen. Damit du immer noch die Chance hast, interessante Gegenden durch die Fensterscheibe zu erspähen. Und die nächste Bushaltestelle dann hoffentlich nicht erst 2km später kommt. Obwohl es sicherlich eine großartige Szene wäre, in solchen Momenten nach vorne zum Busfahrer zu stürzen und theatralisch zu rufen: “Halten Sie sofort den Bus an!” Aber das bleibt dir überlassen.

Sprich mit den Menschen

Niemand kann dir bessere Insider-Tipps geben als die Menschen, die in einer Stadt leben. Egal ob Taxifahrer, Kellner, Ladenbesitzer, die Leute am Nebentisch im Café oder hilfsbereite Passanten, die stehenbleiben, weil du völlig verloren mit dem Stadtplan in der Hand an einer Kreuzung stehst. Sprich sie einfach an!

Und hab keine Hemmungen, weil du die Sprache nur wenig oder gar nicht beherrschst. Die meisten Menschen freuen sich, dass du dir Mühe gibst (auch wenn es nur ein paar Brocken oder Schlagworte sind) und werden auf jeden Fall versuchen, dich zu verstehen und dir weiterzuhelfen. Ansonsten helfen auch Hände und Füße. Und ein freundliches Lächeln.

Sei offen für Unvorhergesehenes

Auch wenn du dir alles grob zurechtgelegt hast und dein Ziel kennst: Sei bereit, deinen Plan komplett über den Haufen zu schmeißen. Manche Dinge kann man nicht planen. Der Bus fährt nicht, der tolle Laden hat genau an dem Tag geschlossen und der Park ist aufgrund irgendeines Events für Normalsterbliche gesperrt. Sowas passiert. Aber davon solltest du dir nicht den Tag vermiesen lassen.

Vielleicht findest du dadurch ganz andere interessante Sachen, die du gar nicht auf dem Schirm hattest. Als ich mir vorgenommen habe, meine Busstrecke zum Büro in Buenos Aires zu fotografieren, stand auf meinem Plan ganz sicher nicht ‘Mich mit den Pappsammlern von Villa Crespo anfreunden’. Und wie gesagt, es war eines der besten Zusammentreffen, die ich mir hätte wünschen können. Und der Rest der Busstrecke war auf einmal völlig unwichtig. Das sind die Momente, in denen du nur eins tun solltest: dich treiben lassen.

Wie gehst du deine Reisen an? Und wie schaffst du den Spagat zwischen Planerei und Streunerei?

Ein Kommentar zu “Von Streunern und Herumtreibern – Teil 2: Das Ding mit der Planerei”

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