Stadtkinder – Die Werke aus Hannover

Christoph und Nikolai sind zwei der kreativen Köpfe hinter dem Coworking Space Edelstall und der offenen Werkstatt Die Werke in Hannover und jonglieren daneben gefühlte andere hundert Projekte gleichzeitig. Wir haben uns mit den beiden Jungs in ihrer offenen Werkstatt getroffen, ums uns ein wenig von ihrem Tatendrang anstecken zu lassen.

Wie seid ihr dazu gekommen, euren Coworking Space Edelstall zu gründen?

Christoph: Wir waren damals eine Gruppe von sechs Studenten, die nach Büroräumen gesucht haben. Das Coworking-Prinzip war ziemlich neu, aber super spannend und so haben wir gesagt: „Wir brauchen sowieso einen Arbeitsplatz. Warum dann nicht einfach das ganze größer machen und den Arbeitsplatz mit anderen teilen?“ Wenn du in Hannover eine Idee hast, kannst du sie umsetzen. Es sind sofort alle dabei. Ich denke das liegt daran, dass die Idee hier nicht ko-existiert neben hundert anderen.

Was für Ideen zum Beispiel?

Christoph: Beispielsweise, wenn du ein Festival oder Kollektiv gründen willst oder ähnliches. Du hast gleich Know-how von zuverlässigen Leuten, die mitmachen und dafür brennen.

Nikolai: Man kann hier Sachen zum ersten Mal machen. In Städten wie Berlin habe ich immer das Gefühl: „Okay, das gibt’s schon zehnmal. Größer und geiler, als ich mir das vorgestellt habe. Wie verwirkliche ich mich?“ Das ist in Hannover sehr schön, man kann solche Sachen nach seinen eigenen Vorstellungen machen, ohne irgenwelche Vorbilder direkt vor der Haustür zu haben.

Christoph: Beim Coworking-Space war das genauso. Wir wussten, es gibt das Betahaus in Berlin, die mit dem Konzept in Deutschland bekannt wurden. Wir haben sie uns bewusst anfangs nicht angesehen, da wir keine Kopie davon sein wollten. Wir haben unsere Ausstattung, die Lampen und Tische selbst gebaut. Ich denke, das finden Leute gut. Sie merken, dass der Edelstall selfmade ist.

Wie kamt ihr auf die Idee mit der offenen Werkstatt?

Christoph: Ähnlich wie beim Edelstall. Dadurch, dass wir im Edelstall immer Sachen gebaut haben, waren wir auf der Suche nach einer Werkstatt. Ein kleiner Raum mit Hinterhof oder so etwas in der Art. Darüber haben wir Jürgen kennengelernt. Denn er war genauso auf der Suche. Dann standen wir wieder vor demselben Gedanken: „Warum nicht größer machen, damit auch andere mit rein können?“ Im Fall von Jürgen hatten wir das Glück, dass er auch Investor ist und so nahm das Projekt noch größere Form an.

 

Stadtkinder – Nikolai und Christoph von Die Werke, Hannover | Stilnomaden

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Wie habt ihr angefangen?

Christoph: Wir haben erstmal einen Lasercutter gekauft.

Einen Lasercutter?

Nikolai: Weil sich das keiner nur so aus Spaß kauft. Wir haben uns gedacht: „Das ist ein geiles Ding, da kann man viel mit machen und es können Leute aus allen möglichen Bereichen gebrauchen.

Christoph: Wir haben die ganze Zeit nach Räumlichkeiten gesucht. Das ist ein Problem in Hannover, hier läuft viel über Vitamin B. Wenn einer was gefunden hat, dann teilt man das mit allen. Wir hatten das Glück, dass 2013 zum ersten Mal die Maker Faire in Hannover war. Da war auch Phillip, der Inhaber der Fabrik hier. Wir sind mit ihm ins Gespräch gekommen und plötzlich meinte er: „Ich hab da einen Raum. Wenn ihr wollt, schaut ihn euch an!“ Das haben wir einen Tag später gemacht. Es war zwar alles chaotisch und zugestellt, aber es hatte Potenzial. Und dann haben wir renoviert und zwölf Tonnen Maschinen hier rausgeholt.

Nikolai: Das war eine alte Papierrollenfabrik. Da standen noch alte Druckmaschinen, mit denen zwei Meter breite Blumenpapierrollen bedruckt wurden.

 

Stadtkinder – Nikolai und Christoph von Die Werke, Hannover | Stilnomaden

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Stadtkinder – Nikolai und Christoph von Die Werke, Hannover | Stilnomaden

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Aber ihr beiden habt abgesehen von Design keinen klassischen Handwerkshintergrund, oder?

Christoph: Ich habe ein bisschen was mit Metall gemacht auf einer weiterführenden Schule. Studiert habe ich Innenarchitektur und Grafikdesign. Produktdesign und Fotografie interessiert mich auch. Das ist meine Stärke und Schwäche: Ich bin ein Allrounder. Aber das Werkstattprojekt fühlt sich sehr gut an, auch wenn wir noch ganz am Anfang stehen. Geld verdiene ich noch ein wenig als Grafiker, aber das Herz schlägt für das Handwerk.

Nikolai: Ich mache mittlerweile kaum noch Grafik. Nur noch als Tauschgeschäft. Dann ist es einfacher für mich zu sagen: „Ich verdiene jetzt mein Geld mit Handwerk.“ Das ständige am Computer sitzen bei Grafik war für mich der Hauptgrund. Die ganze Zeit nur sitzen, klicken und Sachen machen, die überwiegend virtuell im Computer bleiben. Nichts zum Anfassen. Was Echtes zu machen fühlt sich für mich richtig an. Und als Designer haben wir ja gelernt, ein Gefühl für Formen und Harmonien zu entwickeln. Ich glaube, ob man jetzt einen Tisch baut, der in einen Raum passen soll oder ein Foto auf einer Fläche hin und her schiebt, ist im Prinzip sehr ähnlich. Nur das noch Punkte wie Material, Haptik und natürlich die Umsetzung dazukommen.

 

Stadtkinder – Nikolai und Christoph von Die Werke, Hannover | Stilnomaden

Stadtkinder – Nikolai und Christoph von Die Werke, Hannover | Stilnomaden

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Ihr habt ja ziemlich große Zukunftspläne. Wie geht es weiter mit dem Edelstall und der Werke?

Nikolai: Ja, die Fragen kamen eigentlich schon im Findungsprozess: „Wollen wir eine Werkstatt für uns oder wollen wir was Größeres? Wollen wir was mieten und renovieren?“ Wir waren ein bisschen unsicher und haben mit Jürgen Ideen gesponnen. So kamen wir dann irgendwann an den Punkt: „Wir könnten auch was bauen!“

Christoph: Und jetzt sind wir schon zur Hälfte fertig. Die große Baustelle an der Ecke Weidendamm und Kopernikusstraße in der Nordstadt wird unser neues Gebäude.

Nikolai: Neben dem Edelstall und der Werke wird es ein Café, einen Veranstaltungsbereich und eine große Dachterrasse geben, wo wir Urban-Gardening-Projekte machen wollen. Einen Innenhof, wo man Baumstämme mit Kettensägen bearbeiten kann. Viel Freifläche innendrin. Wir wollen einen Shop für Dinge, die im Edelstall oder der Werke entstehen. Die Schnittfläche von beiden Bereichen zur Öffentlichkeit. Für Leute, die nur einen Kaffee trinken und ein bisschen reingucken wollen. Als wir uns mit allen Leuten von der Werke und dem Edelstall getroffen haben, um über das neue Haus zu reden, haben wir danach nur noch gesagt: „Mächtig, super mächtig!“ Das war das Wort, das hängengeblieben ist. Das macht direkt Gänsehaut, weil es so viel Potenzial hat.

 

Stadtkinder – Nikolai und Christoph von Die Werke, Hannover | Stilnomaden

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Gibt es eines eurer Projekte, das euch am meisten am Herzen liegt?

Nikolai: Ich finde das große Ganze total spannend, aber auch jedes kleine Ding, das ein Teil davon ist.

Christoph: Es sind so viele tausend Details jeden Tag. Auch das ganze Netzwerken und Entwickeln. Das kostet viel Zeit. Aber der Prozess ist wichtig, weil da viele neue Ideen kommen und auch Schwachstellen aufgeworfen werden. Man muss sich fragen: Was ist zuerst dran? Was können wir realisieren? Was macht Sinn?

Nikolai: Das fing im Studium schon an. Ich hab das Gefühl, diejenigen, die nebenher viel machen, machen die cooleren Sachen und haben den Blick über den Tellerrand. Die Leute im Edelstall-Team und bei der Werke wollen alle nebenher immer tausend Projekte machen. Die Sachen werden irgendwann auch professioneller. Edelstall war am Anfang auf jeden Fall mit viel Herzblut verbunden und ein verrückter, ein bisschen chaotischer Haufen. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir immer sein wollten. Dass das Tagesgeschäft läuft und wir können Visionen entwickeln. Dann gucken wir, wer Lust auf was hat, wer Zeit hat und mittlerweile auch, wer daran verdient.

Ist das nicht auch ein wenig in uns Designern verankert? Dass man Projekte angeht, die vielleicht im ersten Schritt kein Geld einbringen, die man aber unbedingt machen möchte? Würdet ihr sagen, das ist der richtige Weg?

Nikolai: Follow your heart. Auf jeden Fall! Machen! Wenn man nur ans Geld denkt, sollte man sich eine Festanstellung suchen. Es ist klar, dass viele Sachen erstmal kein Geld bringen, aber wenn man ein Team ist, und Leute hat, auf die man sich verlassen kann und sich eine Zeit lang durchbeißt, kommt irgendwann der Punkt, an dem es sich lohnt.

Christoph: Beim Edelstall muss man sagen, dass wir ein enorm gutes Team sind, welches gut aufeinander abgestimmt ist. Die Chemie zwischen uns stimmt einfach, das ist besonders.

Nikolai: Die Zielgruppen sind auch unterschiedlich. Im Edelstall sind das alles Leute, die damit Geld verdienen. In der Werke sind viele Bastler, die das hobbymäßig machen, aber dadurch auch Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit für viel mehr Sachen haben. Man findet hier für alles Experten.

 

Stadtkinder – Nikolai und Christoph von Die Werke, Hannover | Stilnomaden

Stadtkinder – Nikolai und Christoph von Die Werke, Hannover | Stilnomaden

 

Kommen die Leute mittlerweile auf euch zu, weil ihr ihnen hier eine Plattform bietet?

Nikolai: Klar. Von einem Opa, der am Laser-Cutter seine Dachziegel für die Modelleisenbahn ausschneidet zu Leuten, die sich aus einem Einkaufswagen ein Lastenrad bauen.

Christoph: Die Leute bekommen erst nach und nach eine Idee davon, welche Möglichkeiten sie hier haben.

Nikolai: Das braucht in Hannover immer ein bisschen Zeit. Bis die Leute das Konzept Co- Working verstanden haben, waren es echt anstrengende anderthalb bis zwei Jahre.

Christoph: Wenn ich heute in den Edelstall reingehe, kenne ich 90% der Leute nicht mehr. Aber ich finde das schön.

Gibt es außer euch noch andere Leute, die solche alternativen Konzepte in Hannover umsetzen?

Christoph: Das Platzprojekt am Lindener Hafen würde ich auch als solches bezeichnen. Das passierte wirklich zur richtigen Zeit. Die haben sich dort Container hingestellt und jeder kann sich darin ausprobieren. Eine Experimentierstadt. Das ist ein toller Ort.

Nikolai: Das hat vor ca. drei Jahren als Skate-Platz angefangen. Das Gelände lag brach und sie haben gefragt, ob sie da skaten und sich ein paar Sachen bauen dürfen. Und so entstand daraus das Platzprojekt.

Was sind die spannendsten Viertel der Stadt?

Nikolai: Linden ist schon noch sehr aktuell. Aber es fängt jetzt auch an, dass die Mieten teurer werden und kleine Läden rausmüssen, weil Immobilienfirmen die Häuser kaufen und eher Kunden haben wollen, die Kapital haben. Viele weichen nun nach Limmer, einem Randgebiet aus, was natürlich zur Folge hat, dass nach und nach auch dort mehr passiert. Es liegt neben Linden stadtauswärts und es gibt ein bisschen mehr Natur drumherum.

Christoph: Limmer, so ein Transitbereich… (lacht) Es ist ein bisschen gemütlicher, aber trotzdem nicht weit ab vom Schuss. Es gibt viele Open-Air-Veranstaltungen dort und das alte Conti-Gelände und die Limmer-Schleuse liegen dort. Im Sommer gehen die Leute in der Schleuse baden und feiern da. Zudem ist das Chez Heinz in der Nähe. Es gibt so ein paar Läden, die klapperst du dann einfach mal ab. Das Schöne in Hannover sind die kurzen Wege. Alles ist mit dem Rad in kurzer Zeit erreichbar. Da sagst du auch mal nachts um zwei: „Ach komm, lass uns an der Limmer-Schleuse nochmal von der Brücke ins Wasser springen!“

Nikolai: Man kann sich aussuchen, wo man leben will. Mitten in der Stadt oder im Grünen. Und trotzdem sind es nur zehn Minuten zur Limmerstraße, der Hauptstraße in Linden. Die Nordstadt hier ist übrigens auch ganz cool. Sie war früher sehr punkig und wurde nach und nach gentrifiziert, wie zum Beispiel der E-Damm.

Wo geht man das beste Feierabendbier trinken?

Christoph: Das beste Feierabendbier habe ich gerade hier vor den laufenden Druckmaschinen getrunken. Sonst gehst du auf den Küchengarten.

Nikolai: Die komplette Limmerstraße auch. Da sind überall Bänke und Kiosks. Da ist eigentlich immer was los. Oder man setzt sich nach Feierabend auf die Dornröschenbrücke – mit Sonnenuntergang über’m Wasser.

Christoph: Das ist der große Vorteil hier mit der Kiosk-Kultur. Es passiert viel draußen, weil du dir überall ein Bier oder Kaugummi holen kannst. Du musst keine Sorge haben, dass du um 1 Uhr nachts keinen Tabak mehr bekommst. Ein weiterer, immer symphatischer Treffpunkt ist das Broncos in Linden-Mitte. Das ist ein Laden, der seit Jahren gleichbleibende Qualität hat. Es ist schön, wenn ein Laden das hinkriegt.

 

Küchengarten | 25h in Hannover, Stilnomaden Ihme-Rauschen | 25h in Hannover, Stilnomaden

Was macht man an einem Sommerwochenende?

Nikolai: In den Kanal springen! Auf jeden Fall ans Wasser oder in den Park. In die Herrenhäuser Gärten oder so. Nicht die gestalteten mit Zaun drum rum, in denen man Eintritt zahlen muss, sondern die davor.

Christoph: Ein guter Spot ist Samstagmorgens der Lindener Marktplatz, zum Gemüse und Brot kaufen, Leute treffen und Kaffee trinken! Dort trifft man immer jemanden den man kennt. Dann macht man Sachen zu Hause und um 18 Uhr ist Maikätzchen (lacht). Das ist ein illegales Fahrradrennen hier in Hannover. Das gibt es mittlerweile schon 11 Jahre und wir sind jetzt so bei knapp 250 Leuten, die da mitmachen. Die Leute fahren teilweise kostümiert und es gibt verschiedene Preise für Kostüme oder für den Schnellsten, usw. . Und am Ende gibt es eine riesige Party in einer Off-Location. Das sind genau die Sachen, die Hannover ausmachen. Wenn etwas feines Startet, sind alle dabei. Solche Dinge sind einfach schön gemacht und mit Liebe.

 

Georgengarten | 25h in Hannover, Stilnomaden

Lindener Marktplatz | 25h in Hannover, Stilnomaden

Lindener Marktplatz | 25h in Hannover, Stilnomaden

 

Was muss man in Hannover gesehen haben, um die Stadt ein wenig besser zu verstehen?

Christoph: Das Ihme-Zentrum schwingt in Hannover natürlich immer mit. Das Ihme Zentrum ist eine Utopiestadt aus den 60ern. Lustigerweise ist dieser Megakomplex mitten in Linden direkt am Fluß erbaut worden. Als ich nach Hannover kam, war es natürlich auch der erste Foto-Spot. Das sah damals noch ganz anders aus. Es war noch mehr zugebaut. Es kursieren viele Legenden über das Ihmezentrum und irgendwie ist da die Hoffnung in der Kreativszene dass mit diesem riesigem Raum irgendwas passieren soll.

Nikolai: Eigentlich musst du von der Nordstadt Richtung Linden laufen. Du bist auf dem E- Damm und läufst ein paar Straßen an der Uni vorbei, dann bist du in den Herrenhäuser Gärten. Ein Stück weiter bist du plötzlich in Linden. Du kommst an der Faust vorbei, das Strandleben ist in der Ecke und die Faustwiesen. Wenn du ein bisschen weiter läufst, siehst du Linden und das Ihme-Zentrum ganz gut. Dann läufst du am Kanal entlang und bist im Naturschutzgebiet hinten am Conti-Gelände. Das ist, was Hannover eigentlich ausmacht: Die kurzen Wege und der Kontrast von Stadt/Land/Natur, der dazwischen liegt.

 

Bis Mitte nächsten Jahres findest du die Jungs noch im Edelstall oder bei Die Werke, danach eröffnet der Hafven. Mehr Infos zu ihrem Projekt findest du hier. Dank ein paar der Jungs bekommst du übrigens auch alle aktuellen Termine zu Musik, Kunst und Kultur in Hannover fein gestaltet und kuratiert auf Observer.city. Und falls du noch mehr Tipps für Hannover suchst, schau einfach in unserem 25h-Guide vorbei.

WAS SIND DEINE BESTEN TIPPS FÜR HANNOVER? REIN DAMIT IN DIE KOMMENTARE!

 

 

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